Ein Tag auf der 3. Frankfurter Meerschweinchenshow

Hach wie schön. Mein Freund Alex hatte eine ganz prima Idee für den Sonntag Nachmittag. Heute war nämlich die 3. Frankfurter Meerschweinchenshow. Ein Event, wie es deutscher nicht sein konnte. Und wir waren da.

Das ist der Sieger der diesjährigen Meerschweinchenshow Frankfurt IMG_2298 Ausgezeichnet als beste Show-Sau IMG_2296 Alex spielt Gozilla im Meerschweinchendorf IMG_2293 Generell hängt man aber als Meersau gerne rum. Teilweise vermuteten wir, dass es sich um motorbetriebene Perücken handelt. IMG_2299 Neben fest, flüssig und gasförmig gibt es jetzt auch lockig IMG_2301

Einmal unpolitisch und zurück. Wie Doktor Seltsam wieder die Lust zu streiten fand.

Heute morgen las ich einen relativ spannenden Artikel über einen neuen Dokumentations-Blockbuster namens "Countdown to Zero", der gerade auf der aktuellen Ted Conference vorgestellt wird.

Ähnlich wie "An inconvenient truth" fokussiert auch dieser Film eines der Probleme unserer Zeit, das so groß ist, dass - weiter gedacht - das Überleben des Homo Sapiens davon abhängt: Die Weiterverbreitung von Kernwaffen. "Countdown to Zero" will ebenfalls ein globales Bewusstsein dafür schaffen, was uns droht, wenn die weltweite horizontale Proliferation nicht in den Griff bekommen wird. Es ist in sich nicht nur ein Film sondern der Versuch eine transnationale politische Bewegung zu schaffen, die die Abschaffung aller Kernwaffen zum Ziel hat. Eine prima Sache erstmal und wer würde als Ottonormalverbraucher nicht sofort auf den passenden Facebook Fanbutton drücken? (Auch bekannt als das unterste Level politischer lohaesker Lifestylepartizipation bevor man sich wieder der Frage widmet, welches Apple Produkt man als nächstes kauft).

Wer mich kennt, weiß, dass komischerweise "die Bombe" seit Kindheitstagen einen bleibenden Einfluss auf mich hat. Ich stamme aus einer äußerst politischen Familie. Und schon mit sechs Jahren wurde mir zumindest nahegelegt, dass "man doch Nachrichten gucken muss", was ich auch tat. Was für andere Kinder Horrorfilme waren, (die sie aus irgendwelchen Gründen guckten und dann tagelang nicht mehr schlafen konnten) waren bei mir 1984 Wargames und - nicht viel später - "The Day After". Während ich mich vor War Games gruselte, litt ich unter Day After jahrelang. Angst hatte bei mir aber merkwürdigerweise einen fast analytischen Forscherdrang zur Folge. Bis ich 12 Jahre alt war (Cold War Era) konnte ich eine SS-20 von einer SS-18 auseinanderhalten. Ich kannte das Fulda Gap und was das Paket Zebra mit ihm angerichtet hätte. Ich war nie begeistert von Krieg sondern hatte so sehr Angst vor ihm, dass ich mich fast manisch damit auseinander setzte: Ein verstörter kleiner Junge, den man vielleicht als Nuke Nerd bezeichnen könnte.

20 Jahre später finde ich die Diskussion, die in Zusammenhang mit Iran, Nordkorea und dem potenziellen Zugriff von Terroristen auf Atomwaffen läuft, interessant. Konsequenterweise habe ich Politologie studiert, mich mit Proliferation auseinandergesetzt, sogar über die atomaren Verhandlungen mit Nordkorea ein erfolgloses Fachbuch geschrieben, mich intensiv gegen die amerikanische Erstschlagsdoktrin gewehrt und bin dann fast unpolitisch geworden. In zu vielen Diskussionen - speziell mit Amerikanern - vor dem Irak Krieg habe ich mich aufgerieben. Zu sehr hat meine persönliche Lust gelitten, mich für etwas einzusetzen, was wohl von den Nationen, die hauptverantwortlich für Probleme weltweiter Proliferation sind, gänzlich anders gesehen wurde. Und auch wenn ich rückblickend keinen Genuss dabei empfinde, und auch wenn meine Web-Diskussionspartner der Jahre 2001-2003 das nicht mehr lesen werden: Ich hatte damals wie auch viele andere Europäer recht in der Einschätzung der Bush Administration. Und das nicht nur ansatzweise sondern komplett. Selbst gemalte Bilder von Bio Waffen Trucks waren nie und werden nie valide Beweise für einen Krieg sein.

Es ekelt mich nach wie vor etwas, dass Bush noch ein zweites Mal wiedergewählt wurde und erst bei der Wahl Obamas die Einsicht kam, dass dieser Mann ein Fehler war. Das trage ich als politisch denkender Mensch nach. Und erst langsam kommt meine Lust wieder, mich politisch zu aktivieren. Ich bin kein Pazifist und ich glaube auch nicht, dass die weltweite Abschaffung von Kernwaffen sinnvoll ist. Dennoch glaube ich, dass es an der Zeit ist, eines der ganz großen Probleme unserer Zeit auch in der Bürgergesellschaft zu verankern. Tatsächlich stehen wir nämlich nicht nur vor der Frage, ob ich meinen Thailandurlaub klimaneutral buchen sollte. Sondern wir stehen mit den Herausforderungen der Weitergabe von Kernwaffen und der viralen Streuung solcher Waffenprogramme vor einem Problem, das innerhalb von Minuten zum größten Horror der Menschheitsgeschichte werden kann.

Anders als nämlich im Kalten Krieg wo das System der gegenseitigen Vernichtung zumindest halbwegs für Sicherheit sorgte, kann theoretisch ein nuklearer Krieg heute geführt werden - so irrsinnig es sich auch anhört. Indien oder Israel können bis zu einem gewissen Punkt einen nuklearen Erstschlag führen, der nicht automatisch und unmittelbar ihre eigene Auslöschung zur Folge hat. Fehler, die die Welt speziell in den 50ern und 60ern immer wieder ohne ihr Wissen, an den Rand des Untergangs geführt hat, sind bei hochgeputschten Drittweltstaaten mit unmittelbarer Nähe zu einer Frontlinie wahrscheinlicher. Und über Terroristen hat man hier in der Tat noch nicht gesprochen. Denn was ich tun würde, wenn ich das menschenverachtende Kalkül aus dem Führungszirkel von Al-Kaida teilen würde, ist mehr als klar.

Kurz: Wir haben nicht nur ein Problem. Wir haben mindestens zwei. Und ich denke, dass mein 2010 wieder politischer wird. Nicht zwangsweise im Sinne eines wahrscheinlich recht simpel strukturierten Aktivismus' vom Schlage von "Global Zero", aber zumindest indem ich das Momentum unterstütze, das dieser Film wahrscheinlich in den nächsten Monaten bekommt. Ich mag die konkreten Ziele (Komplettabschaffung) nicht teilen, aber ich glaube, dass der Diskurs ein wichtiger sein wird. Und in den will ich mich wieder einklinken: Ich bin wieder politisch.

Verrickt im Kuppe. Ein Nachruf, der noch keiner ist.

Es hat eine Weile gedauert, es sich einzugestehen. Aber ja, meine Oma hat das Ende ihres Lebens erreicht. Wahrscheinlich stirbt sie nicht heute und nicht morgen, aber ich bin mir sehr sicher, dass sie in einem halben Jahr nicht mehr leben wird. Und so hart es sich anhört: Das ist absolut okay. Sie ist fast 85, hatte ein langes und volles Leben und hat irgendwann um Weihnachten 2009 ein Boot bestiegen, das in den Sonnenuntergang fährt. Die Diagnose lautet schwere Demenz und Alzheimer. Und der Verfall ist rapide. Ich habe mir nie Gedanken über Ethik und Altern gemacht. Nicht etwa, weil ich nicht mit dem Tod konfrontiert sein wollte, sondern vielmehr, weil man in meiner Familie teilweise nicht sehr alt wurde oder spontan tot umfiel - allein zwei sehr enge Familienmitglieder starben vor dem 30. bzw. 40. Lebensjahr. Kurz: Das Konzept Tod kenne ich gut, aber nicht das Konzept altern.

Heute besuchte ich sie zusammen mit meinem Vater im Krankenhaus. War sie noch vor vier Wochen in der Lage, halbwegs selbständig einen Haushalt zu führen, bin ich heute froh, dass sie meinen Namen noch weiß. "Ich hab den Durchblick gerade gehabt", sagte sie. Und als ich sie fragte, was sie denn für einen Durchblick gerade hatte, antwortete sie "Ich hatte gerade den Durchblick, dass es so ist, wenn man keinen Durchblick mehr hat". Und dann lächelte sie mich mit gebisslosem Mund an.

Ich versuchte zu testen, was sie noch weiß. Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass sie noch bis vor wenigen Wochen eine Wohnung in der Kleinstadt Limburg bewohnt hat. Auch an den Wohnort meiner Familie konnte sie sich nicht erinnern. Aber schnell wurde klar, dass sie Bilder sehr genau zuordnen konnte. Also, iPhone gezückt und google Bildersuche auf. Sie erkannte ein Bild von Adenauer, guckte mich fast empört an, als ich ihr Kennedy zeigte, und sie fragte, wer der Mann sei. "Hältst du mich für blöd?", fragte sie, und fügte hinzu, dass sie sich mit dem "Kanzler von Amerika" damals sehr viel beschäftigt hat. Aha, geht also doch noch.

Je weiter man zurückging, desto klarer wurden ihre Erinnerungen. Und in diesem Moment wurde mir mal wieder klar, was diese Frau alles schon gesehen hatte. Sie wurde im April 1925 in einem kleinen Ort in der Nähe von Breslau im damals noch deutschen Schlesien geboren. In einer so ganz anderen Welt, als die, die sie heute als alte Frau nicht mehr so ganz verstand. Sie sah ihr ländliches Idyll in Flammen aufgehen, als "der Russe" das tausendjährige Reich nach 12 Jahren beendete und damit auch eine wohl schöne und halbwegs unbeschwerte Jugend. Was folgte waren Jahre der Vertreibung, der Ankunft im Westen, des Aufbaus einer einfachen, grundanständigen und immer etwas spießigen Bürgerlichkeit in Hessen. 1949 dann im zerbombten Frankfurt verheiratet und als frischgebackene Mutter eines Sohnes konnte man wieder nach vorne schauen - man versuchte an Wohlstand zu halten, was ging, und misstraute einer bösen, feindlichen Umwelt. Niemals ging meine Oma auf "die Juchee". Auch der Wunsch nach schönen, schicken Kleidern war ihr immer fremd. Das Geld musste man behalten, das war viel wichtiger, als irgendwas zu erleben.

Kern ihres Lebens war immer die Familie. Denn - wenn sie einer Sache wirklich immer misstraute - dann, den zerfallenden Familienstrukturen unserer Zeit. "Früher", sagte sie immer, "blieb eine Familie immer zusammen. Alle." Und dann schaute sie einen immer etwas unglücklich an, obwohl wir beide wussten, dass die Pitchpräsentationen, Twitterstreams und Frequent Flyer Miles meiner Zeit aus einem vollkommen anderen Spiralarm der Galaxis zu stammen scheinten als das vermeintliche Idyll, das sie nicht vergessen konnte und in das sie nie wieder zurückkehren wollte. Mein Vater setzte neben mir ein, sie in ihren Erinnerungen zu testen. Er fragte sie nach Geburtstagen und Zusammenhängen, die sie meist nicht mehr wusste, was sie sehr traurig machte. Aber: Von ihrem Frankfurt der 50er und 60er Jahre, der Zeit als mein Vater ein kleiner Junge und Teenie war, hatte sie noch jeden Moment präsent. Sie wusste, dass sie und mein Opa Fritz tapezierten als der "Kanzler von Amerika" erschossen wurde und dass es ja am Geburtstag von "Papa" (wie sie ihren Mann immer nannte) geschah. Sie konnte sich an den Namen des Freundes der Familie erinnern, der meinem damals sechsjährigen Vater immer Kamellen von der Strasse ins geöffnete Fenster zuwarf. Und wenn man sie in diesen Momenten so ansah, lächelte sie und guckte in ein schönes, volles Leben zurück, das so ganz anders als meines verlief, das aber ein Leben war, dem ich fast alles verdanke.

Am Ende ihres Lebens angekommen, ist meine Oma fast wieder ein kleines Kind. Sie ist nicht mehr so streitbar sondern freut sich über eine Berührung. Ich erzähle ihr von den bunten Blumen, die bald draussen wieder blühen werden und dass sie bald wieder ganz gesund wird. Und das im festen Wissen, dass das nicht der Fall sein wird. Ich fotografiere sie, weil ich nicht weiß, wie viele Bilder ich noch von ihr machen kann. Und auch wenn es der ganz normale Lauf der Dinge ist: Ich gehe trotzdem vor ihr Krankenhauszimmer um zu weinen, weil diese für mich so wichtige Frau, jetzt langsam geht. So normal es auch ist. Hart ist, dass sie mit einer Krankheit geht, die ab jetzt unerbittlich, Tag für Tag Seite um Seite aus einem Buch rausreißt, an dem Felizitas Hensel, meine Großmutter, 85 Jahre lang geschrieben hat. Ein Buch, das drei Deutschlands, Untergang und Aufbau, das erste eigene Auto, den Urlaub am Mondsee, die goldene Uhr zu "Papas" Rente, zwei Enkel und eine hervorragende Fähigkeit, guten Eintopf zu kochen, umfasste.

Sie wird ihre Wohnung, die sie vor einigen Wochen mit einem Notarztwagen verlassen hat, nicht mehr sehen. Ich wollte mit ihr vorher nochmal vorbei fahren, damit sie sich verabschieden kann. Aber sie weiß schon jetzt nicht mehr, dass sie dort je gelebt hat. "Macht aber nichts", sagt sie. "Wenn man nicht weiß, dass man 'verrickt im Kuppe' wird, ist das ja auch nicht so schlimm". Recht hat sie.

Gute Reise, Oma. Wo auch immer sie hingeht.

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