Einmal unpolitisch und zurück. Wie Doktor Seltsam wieder die Lust zu streiten fand.

Heute morgen las ich einen relativ spannenden Artikel über einen neuen Dokumentations-Blockbuster namens "Countdown to Zero", der gerade auf der aktuellen Ted Conference vorgestellt wird.

Ähnlich wie "An inconvenient truth" fokussiert auch dieser Film eines der Probleme unserer Zeit, das so groß ist, dass - weiter gedacht - das Überleben des Homo Sapiens davon abhängt: Die Weiterverbreitung von Kernwaffen. "Countdown to Zero" will ebenfalls ein globales Bewusstsein dafür schaffen, was uns droht, wenn die weltweite horizontale Proliferation nicht in den Griff bekommen wird. Es ist in sich nicht nur ein Film sondern der Versuch eine transnationale politische Bewegung zu schaffen, die die Abschaffung aller Kernwaffen zum Ziel hat. Eine prima Sache erstmal und wer würde als Ottonormalverbraucher nicht sofort auf den passenden Facebook Fanbutton drücken? (Auch bekannt als das unterste Level politischer lohaesker Lifestylepartizipation bevor man sich wieder der Frage widmet, welches Apple Produkt man als nächstes kauft).

Wer mich kennt, weiß, dass komischerweise "die Bombe" seit Kindheitstagen einen bleibenden Einfluss auf mich hat. Ich stamme aus einer äußerst politischen Familie. Und schon mit sechs Jahren wurde mir zumindest nahegelegt, dass "man doch Nachrichten gucken muss", was ich auch tat. Was für andere Kinder Horrorfilme waren, (die sie aus irgendwelchen Gründen guckten und dann tagelang nicht mehr schlafen konnten) waren bei mir 1984 Wargames und - nicht viel später - "The Day After". Während ich mich vor War Games gruselte, litt ich unter Day After jahrelang. Angst hatte bei mir aber merkwürdigerweise einen fast analytischen Forscherdrang zur Folge. Bis ich 12 Jahre alt war (Cold War Era) konnte ich eine SS-20 von einer SS-18 auseinanderhalten. Ich kannte das Fulda Gap und was das Paket Zebra mit ihm angerichtet hätte. Ich war nie begeistert von Krieg sondern hatte so sehr Angst vor ihm, dass ich mich fast manisch damit auseinander setzte: Ein verstörter kleiner Junge, den man vielleicht als Nuke Nerd bezeichnen könnte.

20 Jahre später finde ich die Diskussion, die in Zusammenhang mit Iran, Nordkorea und dem potenziellen Zugriff von Terroristen auf Atomwaffen läuft, interessant. Konsequenterweise habe ich Politologie studiert, mich mit Proliferation auseinandergesetzt, sogar über die atomaren Verhandlungen mit Nordkorea ein erfolgloses Fachbuch geschrieben, mich intensiv gegen die amerikanische Erstschlagsdoktrin gewehrt und bin dann fast unpolitisch geworden. In zu vielen Diskussionen - speziell mit Amerikanern - vor dem Irak Krieg habe ich mich aufgerieben. Zu sehr hat meine persönliche Lust gelitten, mich für etwas einzusetzen, was wohl von den Nationen, die hauptverantwortlich für Probleme weltweiter Proliferation sind, gänzlich anders gesehen wurde. Und auch wenn ich rückblickend keinen Genuss dabei empfinde, und auch wenn meine Web-Diskussionspartner der Jahre 2001-2003 das nicht mehr lesen werden: Ich hatte damals wie auch viele andere Europäer recht in der Einschätzung der Bush Administration. Und das nicht nur ansatzweise sondern komplett. Selbst gemalte Bilder von Bio Waffen Trucks waren nie und werden nie valide Beweise für einen Krieg sein.

Es ekelt mich nach wie vor etwas, dass Bush noch ein zweites Mal wiedergewählt wurde und erst bei der Wahl Obamas die Einsicht kam, dass dieser Mann ein Fehler war. Das trage ich als politisch denkender Mensch nach. Und erst langsam kommt meine Lust wieder, mich politisch zu aktivieren. Ich bin kein Pazifist und ich glaube auch nicht, dass die weltweite Abschaffung von Kernwaffen sinnvoll ist. Dennoch glaube ich, dass es an der Zeit ist, eines der ganz großen Probleme unserer Zeit auch in der Bürgergesellschaft zu verankern. Tatsächlich stehen wir nämlich nicht nur vor der Frage, ob ich meinen Thailandurlaub klimaneutral buchen sollte. Sondern wir stehen mit den Herausforderungen der Weitergabe von Kernwaffen und der viralen Streuung solcher Waffenprogramme vor einem Problem, das innerhalb von Minuten zum größten Horror der Menschheitsgeschichte werden kann.

Anders als nämlich im Kalten Krieg wo das System der gegenseitigen Vernichtung zumindest halbwegs für Sicherheit sorgte, kann theoretisch ein nuklearer Krieg heute geführt werden - so irrsinnig es sich auch anhört. Indien oder Israel können bis zu einem gewissen Punkt einen nuklearen Erstschlag führen, der nicht automatisch und unmittelbar ihre eigene Auslöschung zur Folge hat. Fehler, die die Welt speziell in den 50ern und 60ern immer wieder ohne ihr Wissen, an den Rand des Untergangs geführt hat, sind bei hochgeputschten Drittweltstaaten mit unmittelbarer Nähe zu einer Frontlinie wahrscheinlicher. Und über Terroristen hat man hier in der Tat noch nicht gesprochen. Denn was ich tun würde, wenn ich das menschenverachtende Kalkül aus dem Führungszirkel von Al-Kaida teilen würde, ist mehr als klar.

Kurz: Wir haben nicht nur ein Problem. Wir haben mindestens zwei. Und ich denke, dass mein 2010 wieder politischer wird. Nicht zwangsweise im Sinne eines wahrscheinlich recht simpel strukturierten Aktivismus' vom Schlage von "Global Zero", aber zumindest indem ich das Momentum unterstütze, das dieser Film wahrscheinlich in den nächsten Monaten bekommt. Ich mag die konkreten Ziele (Komplettabschaffung) nicht teilen, aber ich glaube, dass der Diskurs ein wichtiger sein wird. Und in den will ich mich wieder einklinken: Ich bin wieder politisch.

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