Verrickt im Kuppe. Ein Nachruf, der noch keiner ist.

Es hat eine Weile gedauert, es sich einzugestehen. Aber ja, meine Oma hat das Ende ihres Lebens erreicht. Wahrscheinlich stirbt sie nicht heute und nicht morgen, aber ich bin mir sehr sicher, dass sie in einem halben Jahr nicht mehr leben wird. Und so hart es sich anhört: Das ist absolut okay. Sie ist fast 85, hatte ein langes und volles Leben und hat irgendwann um Weihnachten 2009 ein Boot bestiegen, das in den Sonnenuntergang fährt. Die Diagnose lautet schwere Demenz und Alzheimer. Und der Verfall ist rapide. Ich habe mir nie Gedanken über Ethik und Altern gemacht. Nicht etwa, weil ich nicht mit dem Tod konfrontiert sein wollte, sondern vielmehr, weil man in meiner Familie teilweise nicht sehr alt wurde oder spontan tot umfiel - allein zwei sehr enge Familienmitglieder starben vor dem 30. bzw. 40. Lebensjahr. Kurz: Das Konzept Tod kenne ich gut, aber nicht das Konzept altern.

Heute besuchte ich sie zusammen mit meinem Vater im Krankenhaus. War sie noch vor vier Wochen in der Lage, halbwegs selbständig einen Haushalt zu führen, bin ich heute froh, dass sie meinen Namen noch weiß. "Ich hab den Durchblick gerade gehabt", sagte sie. Und als ich sie fragte, was sie denn für einen Durchblick gerade hatte, antwortete sie "Ich hatte gerade den Durchblick, dass es so ist, wenn man keinen Durchblick mehr hat". Und dann lächelte sie mich mit gebisslosem Mund an.

Ich versuchte zu testen, was sie noch weiß. Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass sie noch bis vor wenigen Wochen eine Wohnung in der Kleinstadt Limburg bewohnt hat. Auch an den Wohnort meiner Familie konnte sie sich nicht erinnern. Aber schnell wurde klar, dass sie Bilder sehr genau zuordnen konnte. Also, iPhone gezückt und google Bildersuche auf. Sie erkannte ein Bild von Adenauer, guckte mich fast empört an, als ich ihr Kennedy zeigte, und sie fragte, wer der Mann sei. "Hältst du mich für blöd?", fragte sie, und fügte hinzu, dass sie sich mit dem "Kanzler von Amerika" damals sehr viel beschäftigt hat. Aha, geht also doch noch.

Je weiter man zurückging, desto klarer wurden ihre Erinnerungen. Und in diesem Moment wurde mir mal wieder klar, was diese Frau alles schon gesehen hatte. Sie wurde im April 1925 in einem kleinen Ort in der Nähe von Breslau im damals noch deutschen Schlesien geboren. In einer so ganz anderen Welt, als die, die sie heute als alte Frau nicht mehr so ganz verstand. Sie sah ihr ländliches Idyll in Flammen aufgehen, als "der Russe" das tausendjährige Reich nach 12 Jahren beendete und damit auch eine wohl schöne und halbwegs unbeschwerte Jugend. Was folgte waren Jahre der Vertreibung, der Ankunft im Westen, des Aufbaus einer einfachen, grundanständigen und immer etwas spießigen Bürgerlichkeit in Hessen. 1949 dann im zerbombten Frankfurt verheiratet und als frischgebackene Mutter eines Sohnes konnte man wieder nach vorne schauen - man versuchte an Wohlstand zu halten, was ging, und misstraute einer bösen, feindlichen Umwelt. Niemals ging meine Oma auf "die Juchee". Auch der Wunsch nach schönen, schicken Kleidern war ihr immer fremd. Das Geld musste man behalten, das war viel wichtiger, als irgendwas zu erleben.

Kern ihres Lebens war immer die Familie. Denn - wenn sie einer Sache wirklich immer misstraute - dann, den zerfallenden Familienstrukturen unserer Zeit. "Früher", sagte sie immer, "blieb eine Familie immer zusammen. Alle." Und dann schaute sie einen immer etwas unglücklich an, obwohl wir beide wussten, dass die Pitchpräsentationen, Twitterstreams und Frequent Flyer Miles meiner Zeit aus einem vollkommen anderen Spiralarm der Galaxis zu stammen scheinten als das vermeintliche Idyll, das sie nicht vergessen konnte und in das sie nie wieder zurückkehren wollte. Mein Vater setzte neben mir ein, sie in ihren Erinnerungen zu testen. Er fragte sie nach Geburtstagen und Zusammenhängen, die sie meist nicht mehr wusste, was sie sehr traurig machte. Aber: Von ihrem Frankfurt der 50er und 60er Jahre, der Zeit als mein Vater ein kleiner Junge und Teenie war, hatte sie noch jeden Moment präsent. Sie wusste, dass sie und mein Opa Fritz tapezierten als der "Kanzler von Amerika" erschossen wurde und dass es ja am Geburtstag von "Papa" (wie sie ihren Mann immer nannte) geschah. Sie konnte sich an den Namen des Freundes der Familie erinnern, der meinem damals sechsjährigen Vater immer Kamellen von der Strasse ins geöffnete Fenster zuwarf. Und wenn man sie in diesen Momenten so ansah, lächelte sie und guckte in ein schönes, volles Leben zurück, das so ganz anders als meines verlief, das aber ein Leben war, dem ich fast alles verdanke.

Am Ende ihres Lebens angekommen, ist meine Oma fast wieder ein kleines Kind. Sie ist nicht mehr so streitbar sondern freut sich über eine Berührung. Ich erzähle ihr von den bunten Blumen, die bald draussen wieder blühen werden und dass sie bald wieder ganz gesund wird. Und das im festen Wissen, dass das nicht der Fall sein wird. Ich fotografiere sie, weil ich nicht weiß, wie viele Bilder ich noch von ihr machen kann. Und auch wenn es der ganz normale Lauf der Dinge ist: Ich gehe trotzdem vor ihr Krankenhauszimmer um zu weinen, weil diese für mich so wichtige Frau, jetzt langsam geht. So normal es auch ist. Hart ist, dass sie mit einer Krankheit geht, die ab jetzt unerbittlich, Tag für Tag Seite um Seite aus einem Buch rausreißt, an dem Felizitas Hensel, meine Großmutter, 85 Jahre lang geschrieben hat. Ein Buch, das drei Deutschlands, Untergang und Aufbau, das erste eigene Auto, den Urlaub am Mondsee, die goldene Uhr zu "Papas" Rente, zwei Enkel und eine hervorragende Fähigkeit, guten Eintopf zu kochen, umfasste.

Sie wird ihre Wohnung, die sie vor einigen Wochen mit einem Notarztwagen verlassen hat, nicht mehr sehen. Ich wollte mit ihr vorher nochmal vorbei fahren, damit sie sich verabschieden kann. Aber sie weiß schon jetzt nicht mehr, dass sie dort je gelebt hat. "Macht aber nichts", sagt sie. "Wenn man nicht weiß, dass man 'verrickt im Kuppe' wird, ist das ja auch nicht so schlimm". Recht hat sie.

Gute Reise, Oma. Wo auch immer sie hingeht.

About

Hi, my name is Gerald, I am 34 and live in Amsterdam, the Netherlands.

This posterous account has exactly one key goal. To annoy my friends and followers with an even higher rate of web bullshit via all available platforms.

To join the annoyance follow me on www.twitter.com/ghensel or visit my blog www.davaidavai.com. It's worth it.

TwitterFacebookFriendfeed